Falsche Zeit für Höhenflüge

 

20Prozent mehr Gehalt innerhalb von fünf Jahren: Während dieser Lohnsprung für viele Traum oder gar Utopie sein dürfte, ist er für die 3,8 Millionen Arbeitnehmer in der deutschen Metall- und Elektroindustrie Wirklichkeit. Sie kommen mittlerweile auf ein beachtliches Jahresbruttoeinkommen von rund 53.000 Euro – wohlgemerkt: im Schnitt und auch für Tätigkeiten, die einen Gesellenbrief, nicht aber ein Ingenieurstudium voraussetzen.

Ich will damit keineswegs sagen, dass die Fachkräfte in der Metall- und Elektroindustrie überbezahlt sind. Sie leisten im „Herz“ der deutschen Wirtschaft anspruchsvolle Arbeit. Nun aber läuft wieder eine Tarifrunde in der „M+E“-Industrie an und die IG Metall fordert Gehaltszuwächse von 4,5 bis 5 Prozent. Der Unternehmerverband sitzt bei der NRW-Tarifrunde mit am Verhandlungstisch und vertritt die Interessen der Arbeitgeber auch aus Bocholt. Angesichts dieser Lohnforderung finden wir Metallarbeitgeber: Es ist die falsche Zeit für Höhenflüge!

Die aktuelle Lage bestimmen eine schwache Weltkonjunktur, große Unsicherheit aufgrund geopolitischer Krisen und eine hohe Volatilität. Hinzu kommen unternehmensspezifisch eine bisher nicht gekannte Heterogenität zwischen Branchen und einzelnen Unternehmen sowie eine seit Jahren sinkende internationale Wettbewerbsfähigkeit, weil die Lohnstückkosten stetig steigen. Nicht zuletzt ist die derzeitige konjunkturelle Lage nur scheinbar gut: Gestützt wird sie von den nicht nachhaltigen Sonderfaktoren niedriger Ölpreis, niedrige Zinsen und schwacher Euro.

Was passiert, wenn man in der falschen Zeit zu Höhenflügen ansetzt? Schon seit vielen Jahren erleben wir eine Erosion des Produktionsstandortes NRW: In der M+E-Industrie gingen in spürbarem Umfang Produktionsarbeitsplätze, vor allem einfache Tätigkeiten, verloren. Unabhängig von der Betriebsgröße investieren immer mehr Unternehmen im Ausland und erzielen dort ihre Gewinne. In Deutschland steigen die Arbeits- und Produktionskosten einfach zu stark; hinzu kommen Belastungen durch falsche politische Weichenstellungen. Hier ist etwa die abschlagsfreie Rente mit 63 zu nennen, die unseren Unternehmen leider vorzeitig erfahrene und gut ausgebildete Mitarbeiter entzieht. Für Gewerkschaft und Politik müssen diese Entwicklungen mehr als nur ein Warnsignal sein: Die Bedingungen für Produktion, Investitionen und wettbewerbsfähige Arbeitsplätze müssen hierzulande schnell und nachhaltig verbessert werden.

Ich appelliere an die Gewerkschaften, sich bei ihren Forderungen an der Produktivität der Metall-Unternehmen von durchschnittlich 0,5 Prozent zu orientieren. 4,5 bis 5 Prozent Lohnerhöhung sind für mich realitätsfern. Was wir brauchen, ist ein moderner Flächentarif, der Spielraum für flexible Arbeitszeit- und Lohngestaltungen lässt, und bei dem die Tarifpartner lediglich Mindestbedingungen festlegen. Nur so können wir die Produktion und damit die Arbeitsplätze in Deutschland halten. ◀

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