Die Region der starken Frauen

Führungseigenschaft: kommunikativ und fürsorglich oder harte Linie?

Immer häufiger wird in den Medien darüber berichtet, dass sich ein starker Wandel der Unternehmens- und Führungskultur insbesondere bei den Unternehmerinnen abzeichnet. Die weiblichen Führungspersönlichkeiten stellen immer mehr die Vorbildfunktion und Authentizität gegenüber ihren Beschäftigten als wichtigsten Wert in puncto Führungsqualitäten in den Vordergrund. Auch die Fürsorge gegenüber ihren Mitarbeitern hat einen neuen Stellenwert erhalten. Hierzu gehören unter anderem, dass Seitens der Unternehmerinnen stark darauf geachtet wird, dass die Beschäftigen die vorgeschriebenen Pausen und Ruhezeiten einhalten und dass keine E-Mails oder Telefonate nach Feierabend oder im Urlaub beantwortet werden.

Je interaktiver, kommunikativer und fürsorglicher sich de Führungseigenschaften der Unternehmerinnen gewandelt haben, desto schwieriger fällt es den weiblichen Führungspersönlichkeiten immer noch persönlich eine klare Grenze zwischen Beruf und Freizeit zu ziehen. Grund genug für uns die „starken Frauen“ aus der 463-Region zu Wort kommen zu lassen. Hierbei sind wir verschiedenen Fragestellungen zum Thema nachgegangen: Wie sieht es mit dem Verhältnis zu Ihren Mitarbeitern aus? Wie schaffen sie persönlich einen Ausgleich zum stressigen Berufsalltag? Und welche Führungseigenschaft steht bei Ihnen im Vordergrund?

Ausgewählte, offene und erhellende Antworten jener besonderen Frauen, denen wir unsere Fragen vorlegten, finden Sie gleich im Anschluss an diese Seite. Bei allen Damen, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben, möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken!

Wir dürfen dabei auch festhalten, dass uns die Zusammenarbeit stets eine Freude war und ist. Starke Frauen aus straken Unternehmen werden auch in Zukunft Thema der VIER.SECHS.DREI. sein. 

 

Dagmar Jeske:
44 Jahre, verheiratet, 1 Sohn, Bürgermeisterin für Velen und Ramsdorf

Arbeit, Familie und Freunde – gerade als Bürgermeisterin bleibt wenig Zeit dafür. Wie geht Ihr privates Umfeld damit um, dass Sie wenig Freizeit haben und gemeinsame Aktivitäten und Auszeiten (meist) geplant werden müssen? Wodurch schaffen Sie sich persönlich einen Ausgleich zum Beruf?

Die neue Position als Bürgermeisterin der Stadt Velen hat natürlich viele Veränderungen für meine Familie, meine Freunde und mich gebracht. Bei der gelungenen Wahl im Februar 2016 haben sich natürlich alle mit mir gefreut, weil der Wahlkampf schon harte Arbeit war und wenig private Zeit übrig gelassen hat. Die ersten Monate waren dann geprägt vom Kennenlernen der Verwaltung, der beiden Ortsteile und deren Bewohnerinnen und Bewohner, der Vereine und allen weiteren wichtigen Akteuren vor Ort. Auch da blieb wenig Zeit für Familie und Freunde und sogar mein Mann bekam mich nur selten zu Gesicht. Hinzu kam dann nach 5 Monaten der Umzug von Stadtlohn nach Velen. Auch das war ein Einschnitt, da es plötzlich nach 20 Jahren nicht mehr die gewohnten Nachbarn gab.

Trotzdem und vielleicht auch gerade deswegen halten wir besonders bewusst Kontakt. Natürlich wird die gemeinsame Zeit etwas weniger und ist oft nicht mehr so spontan möglich. Wir versuchen aber immer, die mögliche Zeit ganz bewusst zu genießen. Auch nach langen Sitzungen treffen wir uns noch für ein gemeinsames Essen oder zum Kino.

Meine Freunde haben auch selbst anstrengende Jobs und sind viel unterwegs. Daher haben wir gegenseitig immer Verständnis dafür, wenn doch mal ein vereinbarter Termin platzt. Was mich besonders freut ist, dass ich zu manchen „dienstlichen“ Terminen auch meinen Mann oder meine Freunde einfach mitnehmen kann. Oft sind wir gemeinsam in der Thesingbachhalle oder in der Burg, wenn es Konzerte, Comedy oder andere tolle Veranstaltungen gibt. Auch zum Besuch bei den Schützenfesten in meiner offiziellen Funktion als Bürgermeisterin begleitet mich mein Mann – so kann ich den Termin wahrnehmen, wir haben gemeinsam einen schönen Tag und die Bürgerinnen und Bürger können neben mir auch meinen Mann besser kennen lernen.

Bei all der Verantwortung in diesem Beruf ist es besonders wichtig, sich seine Auszeiten auch zu nehmen. So haben wir zum Beispiel einmal im Monat mit meinen Geschwistern und meiner Mutter (82 Jahre!) einen „Familientag“, an dem wir alle gemeinsam etwas unternehmen. Dieser Tag ist mir heilig und manchmal muss ein dienstlicher Termin auch dahinter zurückstehen.

Der größte Rückhalt für mich ist mein Mann. Er hat immer Verständnis dafür, wenn es doch mal wieder etwas länger dauert und hält mir komplett den Rücken frei. Wenn ich dann zuhause bin, haben wir auch wirklich Zeit für uns und können diese gemeinsam auf der Couch oder jetzt im Sommer auf unserer Dachterrasse genießen. Oder wir setzen uns ins Cabrio oder aufs Motorrad und cruisen ein wenig durch die Gegend. Wenn wir uns die Sonne in das Gesicht scheinen lassen können und der Wind durchs Haar weht, macht das den Kopf frei! Wir sehen viel von unserer schönen Umgebung, trinken irgendwo gemütlich einen Cappuccino und genießen die Zeit. Das gibt neue Kraft und Elan für die herausfordernden Aufgaben im Rathaus! 

 

Stephanie Heckrath:
Friseurmeisterin und Inhaberin von cocoona hairstyling

Einhaltung der Pausen, genügend Ruhezeit, keine E-Mails / Telefonate nach Feierabend oder im Urlaub… Wie sieht es mit der Fürsorge gegenüber ihren Mitarbeitern aus und wie stark trennen Sie selbst Arbeit und Privatleben?

Die Einhaltung von Ruhepausen und Urlaub halte ich für unbedingt notwendig und zwar nicht nur aus arbeitsrechtlicher Perspektive. Ausgeruht und erholt ist mein Team mit höchster Motivation und Leistungsfähigkeit bei der Sache, was sich insbesondere auf die Kundenzufriedenheit auswirkt.

Als Unternehmerin bin ich sowohl für das Wohl meiner Kunden als auch für das meiner Mitarbeiter verantwortlich. Aus diesem Grunde führe ich in meinem Salon Arbeitszeitkonten. So bleibt das Geben und Nehmen im Gleichgewicht und die notwendige Flexibilität erhalten.

Da es immer etwas zu organisieren gibt, ist es für mich als Unternehmerin nicht immer umsetzbar, Privates und Geschäftliches zu trennen. Dennoch versuche ich mir für mein Hobby, den Klettersport, möglichst häufig Freiräume einzuräumen. Das Klettern erfordert eine hohe Konzentration, es lässt mich im Hier und Jetzt aktiv sein und vollkommen abschalten.

 

 

Sylke Kohushölter, 49 Jahre, verheiratet
Geschäftsführerin von La Novia – Edle Brautmoden

„Top-down“-Ansatz oder interaktiv und kommunikativ? Welche Führungseigenschaft steht bei ihnen im Vordergrund und wie verwirklichen Sie dieses Charakteristikum bei Ihren Mitarbeitern?

Ich erlebe selber im Alltag oft, dass Kundinnen aus der Großstadt für die persönlichere Beratung doch eher in das „kleinere“ Brautmodengeschäft nach Rhede fahren, als dies in der Großstadt zu kaufen. Für uns wird das persönliche Shoppingerlebnis, welches ein Brautkleidkauf nun mal ist, groß geschrieben. Und dies geht in den großen Geschäften leider oft verloren. Aus diesem Grund arbeiten wir auch nur nach Terminvereinbarung, da man so individuell auf die Wünsche der Kundin eingehen kann. 

 

Barbara Hamann, ich bin 44 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Mädchen im Alter von 10 und 12 Jahren.  Als Rechtsanwältin bin ich seit 1999 zugelassen, seit September 2014 bin ich in der Kanzlei Nebe, Rösing, und Collegen zusammen mit den Rechtsanwälten und Notaren Rösing,  Steverding und Priebe tätig. Zur Notarin vereidigt wurde ich im Dezember 2014.

Einhaltung der Pausen, genügend Ruhezeit, keine E-Mails oder Telefonate nach Feierabend oder im Urlaub … Wie sieht es mit der Fürsorge gegenüber ihren Mitarbeitern aus und wie (stark) trennen Sie selbst Arbeit und Privatleben?

„Die Beachtung der Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen halte ich für extrem wichtig. Gerade in der heutigen Zeit ist der Druck aufgrund der modernen Medien und Kommunikationsmittel teilweise sehr hoch. Durch die schnelle und unmittelbare Kommunikation per Email, Telefon oder auch Smartphone wird oft von den Mitarbeiterinnen erwartet, dass Fragen sofort beantwortet, Probleme oder komplexe Sachverhalte sofort erfasst und möglichst unmittelbar gelöst werden. Gerade unsere Mitarbeiterinnen, die meist noch vor den Rechtsanwälten und Notaren den ersten Kontakt zu den Mandanten haben, sind da gefordert. Verständlicherweise wünschen die Mandanten eine schnellstmögliche Beratung oder Bearbeitung ihrer Angelegenheit, in vielen Fällen geht es um finanziell bedeutende, persönlich wichtige oder emotionale Sachverhalte.

Die Mitarbeiterinnen müssen eine Vielzahl von Akten und Urkunden gleichzeitig betreuen und bearbeiten. Da ist es sehr wichtig darauf zu achten, die Mitarbeiterinnen nicht zu großem Druck auszusetzen. Trotz der sehr hohen Einsatzbereitschaft achten wir daher darauf, dass Urlaub Feierabend und Freizeit grundsätzlich auch arbeitsfrei bleiben. Vor Druck von außen versuchen wir zu schützen, wobei ich für die Mandanten auch eine Lanze brechen möchte: Diese sind in den allermeisten Fällen sehr freundlich und haben auch dann Verständnis, wenn eine Bearbeitung oder Beratung einmal nicht ganz so schnell erfolgen kann.

Wichtig ist meinen Kollegen und mir im Rahmen unserer Fürsorge neben der Trennung von Arbeit und Privatleben das kollegiale Verhältnis untereinander. Dazu zählen gemeinsame Pausen beim Eis essen, Büroausflüge, Weihnachts- und Karnevalsfeiern.

Persönlich fällt mir das Trennen von Arbeit und Privatleben nicht leicht. Durch jahrelange Selbständigkeit bin ich es gewohnt, auch zu Hause oder im Urlaub „mal eben zwischendurch“ berufliche Dinge zu erledigen. Das macht mir persönlich im Grunde wenig aus, es sei denn, die Familie beschwert sich…“

 

Ulrike Wegener:
Gründungsberaterin der WFG für den Kreis Borken

Frauen gründen anders – erfolgreicher. Warum eigentlich?

Unterscheiden sich Männer und Frauen im Gründungsverhalten oder in der Entwicklung ihrer gegründeten Unternehmen? Mehrere Studien haben sich mit diesen Fragen beschäftigt. Nach wie vor liegt der Anteil der Gründungsinteressierten Frauen und schlussendlich auch der aktiven Unternehmerinnen bei rd. einem Drittel. Auffällig ist laut Studie der KfW zum Gründungsverhalten von Frauen, dass der Anteil der „jungen Frauen“, die sich für eine Unternehmensgründung entscheiden, in den größeren Städten steigt. Gründe für diese Entwicklung sind vor allen, dass die jungen Frauen bestens ausgebildet sind und daran glauben, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur wollen und dafür arbeiten. Beides, Ausbildung und Selbstbewusstsein, trägt zu einem großen Teil dazu bei, dass die Frauen sich eine Gründung zutrauen und sie dann auch durchziehen.

Ulrike Wegener, seit vielen Jahren Gründungsberaterin bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Borken (WFG), kann diese Ergebnisse aus der täglichen Arbeit mit Gründungswilligen auch mit Blick auf den Kreis Borken nur bestätigen: „Gründerinnen beurteilen sich und die Erfolgschancen in vielen Fällen kritischer. Sie gründen deshalb häufiger mit kleineren Projekten. Der überwiegende Teil gründet als Ein-Frau-Betrieb und die geringere Risikobereitschaft spiegelt sich auch darin wieder, dass deutlich weniger oder kleinere Kredite nachgefragt werden als bei den männlichen Gründern.

Diese Ergebnisse der Studien und auch der Erfahrungen im Kreis Borken seien auch dem Umstand geschuldet, dass Frauen besonders häufig in Branchen gründen, in denen weniger Kapitaleinsatz erforderlich ist. Der Bereich „Persönliche Dienstleistungen“ beispielsweise ist wenig kapitalintensiv und umfasst unter anderem die Branchen Bildung, Gesundheitswesen und den kreativen Sektor, wie die Designer, Grafiker. Hier starten rd. 43 % aller Gründerinnen im Kreis Borken, während es bei den Gründern nur 20 % sind. In den „wirtschaftlichen Dienstleistungen“ (z.B. Unternehmensberatungen, Architektur- und Maklerbüros) gründen Frauen signifikant seltener als Männer. Hier finden sich 39 % als Gründer und nur 32 % als Gründerinnen wieder.

Ein zentraler Indikator für den Erfolg von Gründungsprojekten ist ihre Bestandsfestigkeit. Hier zeigt sich lt. Studien der KfW, dass Gründungen von Männern und Frauen mit vergleichbaren Projekteigenschaften – wie Größe, Finanzausstattung oder Branche – und ähnlichem persönlichen Hintergrund – bspw. Ausbildung oder Gründungsmotiv – gleich lang am Markt Bestand haben.

Die Untersuchung im Rahmen einer weiteren Studie der KfW „Chefinnen im Mittelstand“ belegt ein weiteres Ergebnis: Frauen streben mit ihren Unternehmen seltener Wachstum an. Hierdurch können sie flexibel bleiben und die Balance zwischen privatem und beruflichem Leben besser halten. 

 

Michaela te Laar: 
Garten- und Landschaftsbauerin und Inhaberin von Michaelas Garten

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht immer wieder im Fokus. Wie begegnen Sie als Unternehmerin und Mutter Mitarbeitern mit Kindern? Nehmen Sie mehr Rücksicht, weil Sie aus Erfahrung wissen, wie schwierig es ist Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

„Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man mit Kindern nie so genau planen kann, wie man es sich wünscht. Da kommen oft Krankheit, Arzttermine oder Schulausfall etc. dazwischen. Das erfordert viel Organisation und Flexibilität.

Ein Teil meiner Mitarbeiter hat ebenfalls kleine und schulpflichtige Kinder, weshalb das ein oder andere Mal spontan umgeplant oder füreinander eingesprungen werden muss.

Das fördert aber die Hilfsbereitschaft untereinander und das Einsetzten für die Firma, wenn Not am Mann ist. Diese Teambereitschaft wiederum ist für das Unternehmen sehr förderlich, da spontane Kundenwünsche durch Organisation vom ganzen Team und oft auch durch Mehrarbeit meiner Mitarbeiter umgesetzt wird. Hierfür bin ich meinen Beschäftigten sehr dankbar.

Daher gehe ich besonders auf Freizeitwünsche bzw. Urlaub meiner Mitarbeiter ein, als Dank halten diese mir dann den Rücken frei, wenn ich im Urlaub bin, und führen den Betrieb in dieser Zeit selbstständig weiter.

Mit vier männlichen und vier weiblichen Fachkräften, im unterschiedlichen Alter, sind wir ein ausgewogenes Team, welches sich gegenseitig ergänzt und die verschiedenen Arbeitszeiten der Mitarbeiter auffängt.

Wir sprechen wöchentlich unsere Baustellen und Arbeitszeiten ab, damit meine Mitarbeiter und ich planen können.

Durch diese Absprachen kann das gesamte Team Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren.“ 

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