Auf Vielfalt gebaut

Beim privaten Hausbau stößt die freie Entfaltung nicht nur an Grundstücksgrenzen. Wir sprachen mit dem Architekten Jens Kempkes von der Bocholter Planungsgemeinschaft Kempkes und Habbig über Trends beim Eigenheim, über neue Energie und alte Verordnungen.

VIER.SECHS.DREI.: Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft, häufig nach dem Motto „Alles geht“. Drückt sich das auch in unserem Lebensmittelpunkt aus, beim Bau der eigenen vier Wände?

Jens Kempkes: Oh nein, ganz und gar nicht! Wohntrends sind sehr stabil, über die Jahre und Jahrzehnte gesehen. Zwar gibt es auch heute einen leicht favorisierten Baustil bei Eigenheimen, aber das Ganze ist doch vor allem durch das Nebeneinander sehr vieler und sehr unterschiedlicher Stile und Looks geprägt.

Wie sieht dieser häufiger anzutreffende Stil denn aus?

Luftig ist er, licht, offen … Es ist eine Art Kasten-Bauweise, vage angelehnt an das klassische Bauhaus, aber doch noch etwas ansprechender, weniger archaisch – und natürlich mit modernen Baumaterialien. Das ist ein bisschen retro, aber eigentlich zeitlos, man könnte sagen: zu jeder Zeit modern. Dieser Kasten-Stil ist auf der einen Seite gekennzeichnet durch eine recht strenge, kantige Linienführung, auf der anderen aber durch den großzügigen Einsatz von Glas. Denn Offenheit ist ein wichtiges Element, auch innen übrigens, häufig mit offenen Küchen, mit variablen Raumsystemen oder auch Schiebewänden. Innen dominiert – apropos Bauhaus – gelegentlich Sichtbeton als Gestaltungselement.

Und außen in Würfelform?

(Lacht.) Nicht ganz. Schon deswegen nicht, weil durch die Bebauungspläne Vorgaben vorliegen, die eingehalten werden sollten. Aber auch ohne Würfel-Optik bleibt es tendenziell streng: meist ohne Dachüberstände, klare, einfache Fensterlinien und wenn Dachgauben, dann eckig.

Ist das energetisch sinnvoller?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Aber Energie beziehungsweise die Energieeinsparung ist schon ein ganz zentrales Thema. Das hat damit zu tun, dass die Vorgaben immer strenger geworden sind. Das Wärmeschutzgesetz – offiziell heißt es „Energieeinsparverordnung“ (EnEV) – wurde gerade zum Anfang dieses Jahres verschärft.

Einen gewissen Trend zu besonders energie-effizienten Gebäuden gibt es weiter. Denn moderne Bauten, wie wir sie beispielsweise gerade in der Markgrafenstraße errichten, entsprechen dank der strengen Vorgaben bereits standardmäßig dem, was vor ein paar Jahren noch Niedrigenergiehäuser waren. Derart „ökologische“ Häuser waren mal Kür, heute sind sie schon Pflicht. Und von diesem energetischen Status bis zum Passivhaus ist das Energieeinsparpotenzial natürlich dadurch deutlich kleiner geworden.

Sie sagten, die Vorgaben werden immer strenger – habe ich da überhaupt die Chance, ein Haus zu bauen, das auch in absehbarer Zeit noch „state of the art“ ist?

Zugegeben: nicht ohne Kompromisse. Die seit wenigen Wochen gültige EnEV sieht beispielsweise vor, dass bei Neubauten die Energieausschöpfung nochmals um 25% gesteigert und die Dämmung um 20% verbessert werden soll. In der Diskussion ist sogar, dass in wenigen Jahren nur noch Passivhäuser gebaut werden dürfen.

Was man dabei auch beachten muss: Die neuen Anforderungen an die Baustruktur wie an die Haustechnik machen das Bauen mit jedem Schritt auch ein wenig teurer. So kann man sagen, dass Interessenten eher früher als später bauen sollten …

Gut – morgen fange ich an. Ich baue einen Turm, ich wollte immer schon in einem Turmzimmer wohnen!

(Schüttelt lachend den Kopf.) Zumindest nicht einfach so hier in Bocholt, und wohl auch nicht im Kreis. Da sind durch die Bebauungspläne Vorgaben vorhanden. Wer so einen Bebauungsplan noch nie gesehen hat, der ist wohl erst einmal überrascht, an welche Vorgaben man sich so halten sollte. Da steht die Stadtgestaltung als Teil des Allgemeinwohls klar über den Wünschen des Einzelnen. Sprechen wir über die Innenstadt, dann sind die Vorgaben in der Regel nicht durch einen Bebauungsplan, sondern durch das „Bauen nach §34 [des Baugesetzbuches]“ festgeschrieben. Und das
bedeutet, ganz verkürzt, dass sich jegliche neue Bebauung an der bereits vorhandenen orientieren muss. 

Kann man darüber reden?

Kann man: Sie dürfen Abweichungen beantragen, am besten gut begründet – das gehört mit zu unseren Aufgaben als Architekten. Jeder Antrag wird von der kommunalen Baubehörde überprüft. Im Ermessen des Amtes liegt es, ob beispielsweise auch eine Zustimmung der Nachbarn zur Pflicht gemacht wird, ein Instrument, das hier in der Region sehr häufig angewandt wird.

Okay, ich sehe schon: Ich muss ins Umfeld ausweichen. Die 463-Region ist in weiten Teilen ja noch ländlich geprägt, immer mal wieder steht ein alter Kotten zum Verkauf …

Keine Chance: Der Kotten muss stehen bleiben. Und falls er baufällig ist und Sie ihn abreißen, dann darf in aller Regel kein Neubau an seine Stelle treten – die Beschränkungen für das „Bauen im Außengebiet“, wie es so schön heißt, sind nämlich eher noch strenger als die Vorschriften für das Bauen innerhalb einer Ortschaft, insbesondere was den Erhalt von Bausubstanz angeht. Also, tut mir Leid: kein Turm.

Puh! Und jetzt?

Jetzt bauen Sie innerorts. Und Sie haben durchaus viele Optionen – ich sagte ja bereits eingangs, dass wir in einer Zeit der Gestaltungsvielfalt leben … außen wie innen! Da sollte man sich von Bebauungsplänen und anderen bau- wie planungsrechtlichen oder energetischen Regelungen nicht allzu sehr irritieren lassen: Die Möglichkeiten sind zwar begrenzt, da sie mit Bebauungsplan und Energiesparplänen in Einklang zu bringen sind, jedoch gibt es in einem gewissen Rahmen verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten.

Herr Kempkes, vielen Dank – ich sehe jetzt mehr Chancen und weniger Mauern …

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