„Montag habe ich das Sax gekauft und Freitag in einer Band gespielt“

Früher lebte Malcolm „Molly“ Duncan in London, New York oder diversen Tourbussen. Seit nunmehr zehn Jahren heißt die Heimat des Star-Saxophonisten Bocholt. In einem exklusiven Interview lässt er uns teilhaben an faszinierenden Sequenzen seines soulvollen Lebens … von Barbara Heidemann

So richtig klar geworden ist es mir eigentlich erst, als unser Interview schon längst zu Ende war: Ich habe es tatsächlich gerade eben mit einem wahrhaften Weltstar zu tun gehabt. Es ist mir bloß nicht aufgefallen, weil Malcolm „Molly“ Duncan einfach so ein netter Kerl ist. Der Mann, der mit Musiklegenden wie Marvin Gaye, Ray Charles und Eric Clapton auf der Bühne gestanden hat.

Nachdem er sich mir vorstellt, raucht er erst mal eine. Ob das als Saxophonist nicht von Nachteil sei, frage ich vorsichtig. „Actually no …“, sagt er. Jahrelanges Saxophonspielen halte seine Lunge dafür fit genug, grinst er. Dann drückt er mir eine CD in die Hand. „Hier, das ist unser neues Album. Komm, das hören wir jetzt mal. Wir heißen jetzt nämlich »ThreeSixty«.“ Schon schmeißt er die CD in die Steroeanlage und dreht mal ordentlich auf. Umgehend werden wir umschallt von ebenso präzisen wie knackig-glasklaren Funk-Rhythmen.

»Sie sind wieder da«

„ThreeSixty“, das sind drei Mitglieder der ehemaligen „Average White Band“, die Molly Duncan einst in den 70-er Jahren mitbegründete. Drummer Steve Ferrone wurde im Jahr 2015 in L.A. in die Rock 'n' Roll Hall of Fame aufgenommen und hat in diesem Zuge seine alten Bandkumpels zusammengetrommelt. Alle hatten Lust auf ein neues Projekt und standen kurz darauf auch schon gemeinsam im Londoner Studio, um ein Album aufzunehmen. Während wir dem Ergebnis lauschen, erzählt Molly (ich darf ihn direkt duzen) von seinen neusten Plänen. „Nächstes Jahr gehen wir damit auf UK-Tour. Danach vielleicht auch noch nach Japan und Thailand, mal sehen.“ Der gebürtige Schotte erwähnt es, als sei es der normalste Job der Welt und käme gleich nach Fensterputzen oder Wäschewaschen. Nun ja, nach mehr als 50 Jahren im Musikgeschäft ist das für Molly Duncan wohl auch so.

»Das erste Saxophon«

Geboren wurde er 1945 in Montrose. Kurze Zeit später zog die Familie nach Dundee. Ein leicht schottischer Akzent lässt sich bei ihm auch heute noch erahnen, ist aber mit den teils unverständlichen Ausmaßen der „Scots Tongue“ nicht ansatzweise zu vergleichen.

Ursprünglich habe er Klarinette gelernt, erzählt er. „Ich habe dann mit 16 Jahren zum ersten Mal ein Jazz-Album von Miles Davis gehört. Das hat mich auf Anhieb derart begeistert, dass ich sofort auf Saxophon umsteigen wollte“, erinnert sich Molly. „Montag habe ich also das Sax gekauft und Freitag schon in einer Band gespielt. Am Wochenende hatten wir Gigs. Und so konnte ich das teure Saxophon mit zwei Pfund die Woche abbezahlen.“

Welchen musikalischen Plan er von da an auch fasste – alles schien sich wie von selbst zu fügen. „Das war meine Leidenschaft. Das wollte ich unbedingt machen.“ Nicht weiter verwunderlich, dass das begonnene Architekturstudium bald Geschichte war. Im Alter von 24 Jahren verließ Malcolm Duncan Schottland in Richtung London und sollte nie wieder zurückkehren.

»Durchbruch in Los Angeles«

Verschiedene Engagements, Gigs und Bandmitgliedschaften folgten. Auch erste Studioaufnahmen. Immer häufiger spielte er damals mit einer Reihe schottischer Musiker zusammen. „Wir waren weiße Jungs, die Soul spielten. Damit konnte erst mal niemand was anfangen.“ Bis zu dem einen legendären Abend in L.A., bei dem Molly mit seiner Band einen Gratis-Gig in irgendeiner Bar spielte. Im Publikum saß ein Musikproduzent, der sich einen Tag später begeistert meldete und mit den unbekannten Schotten umgehend Studioaufnahmen machen wollte.

Nach einem intensiven Brainstorming auf der Suche nach einem Bandnamen war es ein befreundeter Diplomat, der mit einem gedankenlosen Kommentar unfreiwillig die zündende Idee lieferte: „This is too much for the average white man.“ Die anderen allerdings verstanden ihn nicht richtig und fragten: „What? White band?“

Und schon stellte man fest, dass der Name „The Average White Band“ witzig wäre für weiße Musiker, die schwarzen Sound machten. Was folgte, waren der musikalische Durchbruch und zehn Jahre voller Konzerte, Tourneen und Albumproduktionen.

»Unvergessliche Tour-Erlebnisse«

„Dann bekam ich Heimweh nach Europa“, erinnert sich der heute 71-Jährige. Inzwischen war er verheiratet und Vater eines Sohnes geworden. Molly trat ein wenig kürzer, konnte am Ende aber doch nie NEIN sagen, wenn Bands wie die Eurythmics oder Chaka Khan ihn als Saxophonisten mit auf Tour nehmen wollten. „Das sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Ich erinnere mich, wie ich einmal beim New Orleans Jazz & Heritage Festival mit Chaka Khan die Bühne betrat und das Ende der Publikumsmassen nicht mehr sehen konnte. Wir alle waren erfahrene Live-Künstler, aber bei so einem Anblick zitterten uns allen die Knie. Einfach unglaublich!“

Noch heute leuchten seine Augen, wenn er von der Zusammenarbeit mit den bereits verstorbenen Ray Charles und Marvin Gaye erzählt. „Marvin hat mir überhaupt keine Noten gegeben. »Spiel einfach das Richtige« hat er gesagt. Da war ich wirklich baff“, lacht Molly und erinnert sich weiter: „Was er machte, war einfach perfekt. Sogar, wenn er bei der Probe mal auf dem Sofa rumhing. Selbst dann hat er immer noch toll gesungen.“

»Aus Liebe nach Bocholt«

Auch heute bestimmt die Musik Malcolm Duncans Leben. Rund 120 Konzerte spielt er weltweit im Jahr. Dazu kommen Studioaufnahmen und Fortbildungen. Jedes Jahr unterrichtet der 71-Jährige unter anderem beim Summer Jazz Workshop in Hilden. „Ich habe Glück. Die Menschen kommen auf mich zu. Ich habe immer genug zu tun.“

Was aber hat den schottischen Saxophonisten vor gut zehn Jahren ins münsterländische Bocholt verschlagen? Natürlich, die Liebe. Mollys Ehefrau war inzwischen verstorben, Sohn Dan inzwischen selbst in der Musikbranche als DJ und Produzent erfolgreich. „Ich hatte da diesen Gig mit einer Krefelder Band im Bocholter Kinodrom. Da traf ich Christine.“ Und blieb dank ihr hier. Mit ihr kommt er zur Ruhe, fährt Fahrrad oder kocht indisch.

Und auch sonst fühle er sich heute deutlich relaxter und sicherer als früher, sei aber trotzdem auch neugierig auf das, was noch kommt:

„I do what I want and want I love. Nothing can be better!” ◀

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