Es ist eine Art Kulturgipfel, wie es ihn bisher noch nicht gab: Zu aktuellen Fragen rund um die Entwicklung von Stadt und Kultur in Bocholt – und die ganz persönlichen Ansichten aller Beteiligten – trafen wir die Kulturchefin Jule Wanders, den Ersten Stadtrat Thomas Waschki und den Stadtbaurat Daniel Zöhler zu einem Triple-Interview an besonderer Stelle …

VIER.SECHS.DREI.: Schön, Sie alle heute zusammen zu haben, und dann auch noch hier, in der stimmungsvollen „UmbauBar“ im früheren Herding-Gebäude – sozusagen mitten in dem Thema, das Sie alle miteinander verbindet und momentan sicherlich heftig beschäftigt: kubaai. Wenn wir mit Ihnen, Herr Waschki, als eine Art Overhead anfangen dürfen: Geht´s jetzt so richtig los?

Thomas Waschki: Na, losgegangen ist es ja längst, gottseidank! (lacht) kubaai ist ein Mega-Projekt, das viele ganz unterschiedliche Aspekte hat: Es ist Stadtentwicklung und Wohnbauprojekt und Kulturförderung in einem, alles auf einmal und alles auf hohem Niveau beziehungsweise in größerem Umfang. 

Wir hatten kubaai bei der REGIONALE angemeldet, deren Projekte schon so etwas wie eine qualitativ hochwertige Bauausstellung der Region darstellen – aber selbst unter diesen Highlights ragt kubaai noch heraus. In 2014 haben wir dann den sogenannten A-Stempel erhalten, das heißt die ersten Gelder floßen, die Planungsmittel sind zum Teil schon abgerufen … es wird jetzt so richtig konkret.

Infrastruktur- und Städtebau auf der einen und Kulturförderung auf der anderen Seite haben aber ihre ganz eigenen Geschwindigkeiten, insbesondere wegen der ganzen Genehmigungs-, Kontroll- und Freigabeverfahren. Deswegen haben wir schon vor geraumer Zeit mit dem Kultur-Teil angefangen – und da haben wir im Kulturbereich mit Jule Wanders und ihren vielen Mitstreitern wirklich Hervorragendes geleistet! Noch haben wir hier die alten Gebäude, das unbebaute Gelände, und doch hat sich die Ecke hier schon als Kulturstandort etabliert. Das ist riesig!

Frau Wanders, wird jetzt aus der „Fachbereichsleiterin Kultur & Bildung“ eine „Miss kubaai“?

Jule Wanders: (lacht) Nein, eher nicht! Obwohl … wenn ich mich hier in der „UmbauBar“ so umschaue … könnte mir auch gefallen … (lacht) Im Ernst: Ich sehe meine Aufgabe in erster Linie darin, freie und „städtische“, etablierte Kunst zusammenzubringen und für alle erlebbar zu machen. Völlig unabhängig vom Ort. Die Stadt hat ja bereits eine tolle Szene, wenn man beispielsweise an die Bühne Pepperoni, die Alte Molkerei, das Vogelhaus, den Stadttheater- und den  DochDu-Verein, Gut Heidefeld, die Veranstaltungen der VHS und der Musikschule, etc.pp. denkt. Da bin ich im Alltag vor allem Koordinatorin, Moderatorin, Wegbereiterin, und biete eine Hilfestellung für Künstler und -gruppen bei der Selbstorganisation.

… und Impulsgeberin, Vordenkerin, Sprachrohr …

Jule Wanders: Sie haben Recht, ich bin eine multiple Persönlichkeit. (lacht) Und natürlich versuche ich auch, eigene Akzente zu setzen. Was mir im Spektrum ein wenig fehlt, das sind die Nischenideen, die „Völlig außer der Reihe“-Dinge, das Außergewöhnliche: Wenn jemand mit einer irrwitzigen Installation Räume zum Klingen bringt, oder wenn quasi spontane Ausstellungen mit völlig neuen, unüblichen Interpretationen entstehen. Sowas.

Es liegt in der Natur der Sache, dass vieles davon im Bereich von kubaai stattfindet. Der Bau, in dem wir gerade sitzen, wird in 2018 durch einen neuen ersetzt … na ja, und je später der Abriss stattfindet, desto mehr Unsinn kann ich hier vorher noch machen.

Stichworte Abriss, Neubau, Nutzungen: Herr Zöhler, wie ist denn der aktuelle Stand der Dinge?

Daniel Zöhler: Wir sind sozusagen voll im Plan. Bisher liefen die Arbeiten eher im Hintergrund, viele Abriss- und Aufräumgeschichten beispielsweise, oder das Anlegen von zwei Aa-Inseln, um auch den ökologischen Aspekt vom kubaai mal anzusprechen. Was sich bisher an Hürden ergeben hat, konnten wir gut meistern. Aktuelles Beispiel: Die Podiumsbrücke wird 2018 gebaut und bleibt im Kostenrahmen. Dies war angesichts der schwierigen Marktlage und der hohen Baukonjunktur nicht selbstverständlich.

Im Laufe von 2018 wird sich aber vieles vom Hinter- in den Vordergrund bewegen, da wird hier richtig viel los sein. Bocholt hat nicht nur einen Bedarf an Ein-Familien-Häusern, sondern auch an innerstädtischen Wohnungen für Familien: Passend dazu wird mit einem Investoren-Wettbewerb der Startschuss für die Wohnbebauung auf dem IBENA-Areal fallen. Im Optimalfall ist die Vergabe noch Ende 2018, der Baubeginn in 2019. Da stehen dann gemischte urbane Wohnformen, aber auch bezahlbare Wohnungen für junge Familien im Vordergrund.

Sie sind erst seit Anfang September als Stadtbaurat tätig – und dann mit solchen Projekten gleich ins kalte Wasser gesprungen, oder?

Daniel Zöhler: Nicht ganz, das ist schon mein fachliches Metier. Und es machte unter anderem auch den Reiz dieser Position aus: Ein Projekt wie kubaai hat zwar dank überaus geschickter Planungen einen städtischen Anteil am Investitionsvolumen von „nur“ 12,7 Mio. Euro, reicht aber weit über die Größe der Stadt hinaus und wirkt über Jahrzehnte – eine faszinierende Aufgabe, keine Frage.

Aber Sie haben Recht, dass der Schreibtisch von Anfang an gut gefüllt war: Neben kubaai gibt es da ja auch noch beispielsweise das Thema Brauhaus, wo nach meiner Sicht eine Entscheidung klar in der Politik ansteht, nicht in der Verwaltung. Zudem wollen wir ein neues Einzelhandelskonzept für die Stadt erarbeiten. Bei den Diskussionen um die Verschlechterung der Innenstadt hilft allerdings eine differenzierte Betrachtung, denn mit einer Leerstandsquote von nur 6% steht Bocholt nicht schlecht dar. Es wird vor allem daher darum gehen, neue Qualitäten in der Stadt zu entwickeln, die den Besuch attraktiv machen.

Da sind wir beim Blick nach vorn: Was dürfen wir alle erwarten? Frau Wanders …?

Jule Wanders: Wir haben uns an Kulturaktionen ein paar größere Projekte auf die Fahnen geschrieben, allen voran eine Art Messe – wiewohl ich diesen technischen Begriff nicht mag – unter dem Motto „Kultur & Handwerk“, ein Highlight in meinen Augen, für das aber noch viel Erklärungs- und Überzeugungsarbeit bei den Unternehmen zu leisten sein wird. Die Reihe „BOH Jazz“ wird natürlich weiterlaufen, die nächste Veranstaltung übrigens gleich am 11. Januar hier in der „UmbauBar“! Auch kann ich mir Hinterhof-Aktionen vorstellen, vielleicht eine Ausstellung mit Dachbodenfunden oder Herding-Fotografien … Viel wird sich auch in und mit der „fKK“ abspielen, der freien Kultur-Kommune, die sich jüngst gebildet hat und die wir sehr schätzen, auch wegen ihres grenzübergreifenden Ansatzes.

Daneben möchte ich die Kooperationen mit Schulen verstärkt angehen, die Kinder und Jugendlichen sollen hier frei denken und sich kreativ austoben können … wie wäre es mit Action Painting oder einer coolen Abrissparty oder einem Graffitti-Workshop? Mal sehen. Insgesamt soll am Ende wieder ein Spektrum an Events „von Trainingsanzug bis Sakko“ stehen. (lacht) Auf dass wir unseren kulturellen Teil dazu beitragen, das neue kubaai so positiv zu besetzen, wie wir selbst es erleben!

Thomas Waschki: Den Raum dazu wird es geben. Im Rahmen des anstehenden Umbaus haben wir angedacht, die 800 qm der Sheddach-Hallen nebenan als neue kulturelle Freispielfläche zu erhalten … und sind selbst sehr gespannt, was sich daraus entwickeln wird.

Das gilt generell für alle baulichen wie kulturellen Projekte rund um kubaai. Da habe ich bislang noch gar nicht den LWL erwähnt, der das Textilmuseum unterhält und sich längst mit Investitionen sowie Initiativen zu einem sehr aktiven Player entwickelt hat – beispielsweise auch im Rahmen einer Kooperation mit der DRU Cultuurfabriek im nahen Ulft/Niederlande. Alles sehr spannend, wie gesagt!

Daniel Zöhler: (lächelt in die Runde) Was soll ich noch dazu ergänzen? Vielleicht so viel: In 2018 wollen wir alle einen großen Schritt in die Richtung gehen, im kubaai-Quartier die unterschiedlichen Nutzungen Wohnen, Arbeit und Freizeit respektive Kultur zusammenzubringen und das Gelände für die Öffentlichkeit nutz- und erlebbar zu machen.

Frau Wanders, Herr Waschki, Herr Zöhler – wir danken für dieses Gespräch!

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