„Ohne Wurzeln keine Flügel“

Das Thema Industrie 4.0 ist in aller Munde – bei einigen länger als bei anderen: VIER.SECHS.DREI. fragte bei der TIS GmbH in Bocholt nach, einem frühen Innovator. Unsere Fragen rund um Automation und Kommunikation, Regionalität und Zukunftsaussichten beantworten die TIS-Geschäftsführer Markus Vinke und Peter Giesekus.

VIER.SECHS.DREI.: Fangen wir mit dem im wahrsten Sinne Naheliegendsten an. Ihr Geschäft ist national und international ausgelegt, gleichzeitig sind Sie „Bocholter Unternehmen des Jahres 2016“: Welchen Stellenwert hat Regionalität noch in einer immer grenzenloseren Welt?

Markus Vinke: Man kann sagen: „Ohne Wurzeln keine Flügel“. Eine bodenständige, verwurzelte Mannschaft ist ein Riesenkapital, wenn man eine solide, kontinuierliche und fundierte Unternehmensentwicklung will. Mit Mitarbeitern aus der Region haben wir (fast) keine Fluktuation, die Bindung der Mitarbeiter an unser Unternehmen ist sehr groß und wir haben keine Filialen. Somit haben wir keine Kollegen, die man nur auf der Weihnachtsfeier einmal zu Gesicht bekommt. Die Mitarbeiter identifizieren sich voll mit TIS und arbeiten gern hier, das ist das Wertvollste, was man erreichen kann.

Ihr Unternehmen ist seit langer Zeit schon Schrittmacher bei der mobilen Kommunikation. Kann man das an Zahlen, Daten oder Prozessen greifbar machen?

Peter Giesekus: Wir sind mittlerweile paneuropäisch aufgestellt und gehören sicher zu den Marktführern unter den Premiumanbietern für mobile Lösungen in der Logistik. Unsere Technik fährt in über 30.000 Fahrzeugen in Europa mit. Wir haben Kunden, die jeden Tag 1 Million Sendungen transportieren. Dazu kommt die Entwicklung der Firma: Angefangen im Keller unseres Gründers und Inhabers Josef Bielefeld sind wir heute 60 Mitarbeiter, die im „TIS-Tower“ – wie wir unser Firmengebäude gern nennen – im Technologiepark hinter der Fachhochschule arbeiten.

Industrie 4.0, die „4“ steht dabei für die vierte industrielle Revolution. Müsste nach diesen Maßstäben die TIS nicht mittlerweile bei „40.0“ angekommen sein?

Markus Vinke: Im Moment wird alles unter dem Begriff 4.0 zusammengefasst und teilweise „recycelt“, was schon seit langem unter anderen Begriffen wie Digitalisierung, Vernetzung, Informationstechnologien, etc. gehandelt und gelebt wird. So haben wir vor mehr als 20 Jahren bereits angefangen, Pakete mit Barcodes zu versehen, mobil zu scannen und diese Informationen per Funk an eine Zentrale zu übertragen. Das waren erste Schritte in Richtung Digitalisierung. Wir gehören sicher zu den Pionieren in dem Bereich.

Unter dem Begriff „Industrie 4.0“ versteht offensichtlich weiterhin jeder etwas Anderes. Wie würden Sie als Spezialisten der ersten Stunde „Industrie 4.0“ definieren?

Peter Giesekus: Wir bewegen uns eigentlich mehr im Bereich Logistik 4.0, die ein Bestandteil von Industrie 4.0 ist. Logistik 4.0 definieren wir so: Die Vernetzung und Verzahnung von Prozessen, Objekten, Lieferkettenpartnern, Lieferanten, Herstellern, Großhändlern, Einzelhändlern, Logistikdienstleistern und Kunden durch Informations- und Kommunikationstechnologien mit dezentralen Entscheidungsstrukturen. Jedes Fahrzeug und jedes Transportgut sendet Informationen in die Cloud und kann automatisch interagieren. Die Industrie profitiert von dieser Transparenz der Versorgungskette und kann rechtzeitig auf Lieferengpässe durch Terminüberschreitungen oder Produktionsausfälle der Zulieferer reagieren. In der Industrie 4.0 erwartet man, dass in solchen Fällen automatisch alternative Zulieferer aktiviert werden, damit es zu keinen Stillständen der Produktion kommt. Das ist aber nur ein Teilbereich von Industrie 4.0. 
Die größten Berührungspunkte zwischen der TIS und „4.0“ liegen in …?

Markus Vinke: … der Integration diverser Logistik-Plattformen, die Informationen zentralisieren und bündeln und an andere Logistikdienstleister oder die produzierende Industrie weitergeben können.

Alles, was wir tun, hat mit Digitalisierung zu tun. Anfangs haben wir digitalisierte Inseln in den Unternehmen geschaffen, haben erste Barcodes eingeführt. Darauf erfolgte zunächst die innerbetriebliche Integration, die dann auch über ganze Geschäftsbereiche und später auch unternehmensübergreifend in logistische Netzwerke integriert wurde. Heute gestalten wir Netzwerke neu und schaffen eine neue, extreme Flexibilität in den Geschäftsprozessen mit einem sehr hohen Automatisierungsgrad.

Die 4.0-Welt geht noch einen Schritt weiter: Ein Schlagwort ist hier BigData-Auswertung. Hierunter verstehen wir eine automatisierte Auswertung von Massendaten, beispielsweise von Bewegungsprofilen, Auftragsverhalten von Kunden oder Störungen in der Lieferkette. Durch Zugriff auf die Massendaten ist es in begrenztem Maße möglich, Vorhersagen für die Zukunft zu treffen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten, falls erforderlich. Jeder kennt das inzwischen: Auch auf Google-Maps kann man sich eine Verkehrsprognose für eine geplante Reise in der Zukunft erstellen lassen. Das ist ein sehr praxisnahes Beispiel für BigData-Auswertungen.

 

 

Wo geht diese Reise noch hin? Ist „Industrie 4.0“ tatsächlich DAS Zukunftsthema oder doch eher ein Hype, der von anderen Feldern und Aufgabenstellungen in Bälde abgelöst werden wird?

Peter Giesekus: Nicht alles, was heute einen 4.0-Stempel aufgedrückt bekommt, muss wirklich neu sein, und nicht alles, was unter 4.0 angeboten wird, ist deshalb zwangsläufig besser. Insofern ist 4.0 sicher auch eine Blase, von der letztendlich nur das übrigbleiben wird, was wirklich Nutzen schafft.

Ihr Angebot ist gegliedert in die fünf Segmente „Software“, „Hardware“, „Zubehör“, „Services“ und „Consulting“ – entspricht da die Reihenfolge schon der Relevanz bzw. dem Anteil am Unternehmenserfolg?

Markus Vinke: Ja, das kann man so sagen, wobei momentan das Hardware-Segment mit unseren TISPLUS-Produkten sehr stark wächst. Aber ein klarer Schwerpunkt ist Software-Entwicklung für mobile Geräte und Webportale in der Logistik.

Auf welchen Feldern liegen ganz aktuell die Schwerpunkte Ihrer Arbeit, Ihrer Entwicklungen?

Peter Giesekus: Wir beschäftigen uns – wie bereits angesprochen – zurzeit sehr mit der Integration in die immer mehr werdenden Logistik-4.0-Plattformen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit Auswertungen, z.T. ebenfalls basierend auf Massendaten. Ergebnisse sind beispielsweise Tourvergleiche: Wie ist eine Tour gefahren worden, wie hätte sie besser gefahren werden können, um Diesel und CO2 einzusparen? Das gleiche Thema gibt es im Bereich der Planung: Wie sollte die Tour unter Berücksichtigung der zu erwartenden Verkehrslage gefahren werden, um möglichst effizient und umweltschonend zu sein? Dabei müssen viele Parameter berücksichtigt werden, zu nennen sind hier nur exemplarisch: das Einhalten von Öffnungszeiten, die Berücksichtigung von Ladekapazitäten, pünktliche Auslieferung bei Termindiensten, u.v.m.

Und was werden perspektivisch im Bereich mobile Kommunikation die großen Themen der Zukunft sein?

Peter Giesekus: Datenvolumen und somit Kommunikationskosten spielen immer weniger eine Rolle. Wir haben bereits heute die Möglichkeit, Gigabytes an Daten für verhältnismäßig sehr kleines Geld über den Äther zu schicken. Somit entwickeln sich auch mobil immer weitere Möglichkeiten. Immer mehr Endgeräte werden an das Internet angeschlossen, man spricht dabei vom „Internet der Dinge“ oder „Internet Of Things (IOT)“. Dash-Buttons zur Bestellung einzelner Produkte sind ebenso sinnfrei wie bequem und längst im digitalen Zuhause Realität. Home-Control-Anlagen, die auch im Urlaub das Zuhause überwachen und bequem aus der Ferne diverse elektrische Geräte steuern lassen, sind ebenfalls in vielen Haushalten bereits angekommen. Ebenso sieht es in der Logistik aus: Es werden immer mehr Daten digital erfasst, an eine zentrale Plattform geschickt und dort ausgewertet. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken, Fahrzeuge werden immer mehr Informationen senden, über Verschleiß, Service-Intervalle, Fahrtziel mit Zwischenstopps, und viel mehr. Aufgrund der mobil erfassten Daten sind genauere Stauprognosen und frühzeitigere Stau-Umfahrungsempfehlungen möglich, um ein Beispiel zu nennen, wovon jeder profitieren kann. Problematisch in diesem Zusammenhang sind Themen wie Datenschutz und Datensicherheit, die immer brisanter und schwieriger werden in einer immer stärker vernetzten Umwelt.

 

 

Zum Schluss noch einmal zum Anfangsthema, der Region. Wie kommt man als hochspezialisiertes Unternehmen ausgerechnet in Bocholt schon heute an genügend Experten für morgen?

Markus Vinke: Wie arbeiten eng mit der Westfälischen Hochschule in Bocholt zusammen und sind Mitgesellschafter von „Innocent Bocholt“ im Technologiepark. Das hilft sehr, um dem Fachkräftemangel gerade im Bereich der Software-Entwicklung entgegenzuwirken. Außerdem bilden wir in den Bereichen Systemintegrator, Anwendungsentwickler und Industriekaufmann aus. Die Ausbildung im eigenen Haus ist eine gute Möglichkeit, schon heute dem Fachkräftemangel von morgen entgegenzuwirken. 

Was würden Sie sich hier gegebenenfalls als Unterstützung noch vorstellen können?

Markus Vinke: Die Ausbildung in den klassischen MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wird ja besonders auch von der Westfälischen Hochschule beworben. In diesen Bereichen entwickeln sich durch die 4.0-Welt neue Berufe und somit eine große Chance für Berufsanfänger. Das gilt ebenso für die Ausbildungsberufe. Eine Unterstützung und Werbung der Schulen für genau diese Berufsgruppen ist für unsere Region sicherlich wichtig. Es gibt in Bocholt sehr viele IT-Unternehmen, die über lange Zeit unbesetzte Stellen in diesen Bereichen haben.

Und ein Blick in die (sehr) nahe Zukunft: Die TIS GmbH nimmt an der Gewerbeschau „Bocholt 4.0“ teil – was darf der Besucher erwarten?

Markus Vinke: Wir wollen uns vorstellen und zeigen, was wir machen, das heißt warum es so spannend ist, sich mit Themen rund um Logistik und Telematik zu beschäftigen. Auch wollen wir zeigen, warum wir „Unternehmen des Jahres 2016“ geworden sind. Viele aus der Region haben TIS bislang nicht gekannt, was auch das Bewerben offener Stellen schwieriger gestaltet hat. Wir werden zeigen, dass wir eine tolle Firma sind, die einen super Spirit hat und dass es wirklich großen Spaß macht, bei TIS zu arbeiten.

Auch dieses Interview war uns eine Freude – herzlichen Dank dafür! 

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